Fangen wir mal damit an, wie wir es überhaupt lebend hierher geschafft haben, als Familie, die 2 Jahre auf Weltreise in 8 Quadratmeter zusammen gelebt hat.

Ich hasse das Wort Erziehung und finde Begleitung klingt wie ein erstes unsympathisches Date. Da man es durch ein Zufallstreffen dem Gegenüber vorstellen muss, nenn ich es nicht beim Namen. Es ist einfach unser gemeinsames Leben.

Wir hatten absolut keine Zweifel, dass es auch auf diesem kleinen Raum, während der bevorstehenden Weltreise, verdammt schön wird.
Wir dachten, uns gehört die Welt da draußen. Wiesen in denen ich grashalmkauend liege, während Mathilda spielt, ein Stellplatz am Fuß des Berges auf den wir gemeinsam Wandern oder das knisternde Lagerfeuer, an dem wir uns Geschichten erzählen.

Ja, ham wa’ so gedacht, war aber anders. Anders wie so vieles im Leben.

weltreise auf acht quadratmetern
Die Realität sah irgendwie anders aus

Der Start unserer Weltreise

Wir fuhren an Silvester los, bei 0 Grad.

Die Seen waren gefroren, die Wiesen mit Schnee bedeckt, Bergpässe für unseren Oldtimer unbefahrbar, unsere Schneeketten, die falsche Größe. Das Feuer, das wir entzündeten, eingesperrt in unserem Ofen.
Alles wirkte irgendwie zerbrechlich, die farblosen Blätter, gehüllt in Schneekristalle und unsere Nerven, die schon anfingen zu bröckeln. Sogar Gulliver unsere Karre, der den Anschluss zum Tank verlor.

Gefangen in unserem Traum „Weltreise“

Jeden Tag waren wir nur kurz allein, nur kurz draußen, nur kurz lebten wir das, was wir träumten. Davor, danach und zwischendurch waren wir gefangen von unseren Erwartungen an einen Traum unsere Weltreise.

Genervt, wenn Waldi schon wieder nicht abspülte oder abspülte, wenn ich gerade konzentriert schrieb. Wütend, wenn Mathilda Spielzeugchaos kurz vor Abfahrt fabrizierte, zickig, wenn ich wieder mit Holzhacken dran war und genervt von Musik, Stille, Gesprächen, Zusammensein und Alleinsein. Von allem! Und traurig über meinen Traum vom gemeinsamen Reisen und der Realität als Familie unterwegs.

Nach ein paar Wochen Streit, Endlosdiskussionen, Schweigen, Bier, Wut, Gebrüll und Tränen, haben wir diese Weltreise abgebrochen!

Wir legten den Schalter um…

Ja, echt, ab dann reisten wir anders. Wir haben angefangen, uns zuzuhören, uns ernst zu nehmen. Das Holzhacken wurde meine Me-Time und ich wollte mich nicht mehr abwechseln. Unsere vielen Kilo Bücher, wurden zu meiner abendlichen Routine. Mathilda stellte die Regel auf, dass jeder seinen Kram vor Abfahrt aufräumen muss, Zuhören die neue Währung wird. Waldi fegte den Bus, damit wir abends vor dem flackernden Feuer gemeinsam kuscheln konnten, bevor er noch seine Abendrunde drehte.

Wir haben uns so lange die Träume zerstört, bis wir ganz ohne Erwartungen unseren echten Traum leben konnten.

Wir werden schon immer von Erwartungen verfolgt

Das mit der Erwartungshaltung ist ein Ding, das uns schon unser Leben lang verfolgt.
Mütter dies und Väter das, zu früh ein Kind oder zu spät. Zu viel Zucker oder zu wenig Spielzeug, ein ewiger Überzeugungsstreit zwischen Verwöhnung und Vernachlässigung, Aufopferung und Egoismus.

Wir wollen nicht in einer dieser Schubladen leben. Schon der Dschinn aus Aladdin wusste, weder in Dunkelheit noch im Staub sitzend, lässt es sich gut leben. Er wollte unbedingt raus aus dieser Lampe, raus aus dieser Enge, dem goldenen Gefängnis.

Die Reibung, die den Dschinn aus der Lampe holt, sind bei uns die täglichen Familienschwierigkeiten und Streitigkeiten. Denn da macht es Puff und urplötzlich ist er da- der Streit. Ob auf 8 Quadratmetern oder 70, ab und an wünscht sich jeder von uns mal die anderen Familienmitglieder weg. Dass wir nach so viel Selbstoptimierungsquatsch und erleuchtenden Erkenntnissen und immer noch gelegentlich in die Haare kriegen, hätten wir nicht gedacht.
Was aber ganz ohne Dschinns zutun klappt, ist Ehrlichkeit und Authentizität, vielleicht auch weil es für uns kein Tabu ist zu streiten oder darüber zu sprechen.

familie-weltreise
Als Familie ist uns Ehrlichkeit und Authentizität sehr wichtig

Elternratgeber sind wie Horoskope

Elternratgeber zu Erziehungsfragen verbannen wir. Wenn ich darin blättere ist es, wie im Horoskop lesen. Ich erkenne mich in einem Satz wieder, schwups folgt die rosige Zukunftsprognose, die so unglaublich nah und leicht zu erreichen scheint. Sie bleibt ein Traum, der dann wieder von Erwartungen zerstört und wir wieder mal unsere eigenen Wege finden müssen, um gemeinsam unsere Ziele zu erreichen.

Mit jedem Kilometer, den wir während unserer Weltreise auf den 30- jährigen Opa rauffuhren, fühlten wir uns freier, jedes Erlebnis führte uns mehr zu uns, zu uns selbst und uns als Familie.

Ich weiß, es klingt nach Positivitäts-Mantra, nach nervtötender Affirmation, die dein Leben vergeilern soll, so lange bis du beim Superlativ der Glücklichkeit angekommen bist.

Freiheit bedeutet für uns…

Freiheit heißt für uns nicht, uns nur positive Gedanken zu machen und jeden Anflug kleinster Negativität erfolgreich mit einem erzwungenen Lächeln in die Flucht zu schlagen, sondern die schlechte Stimmung mal auszuhalten. Sondern daraus zu lernen, diese Gefühle nicht zwanghaft ändern zu wollen. Vor allem nicht dafür, dass es unvergesslich wird, das wird es dann eh nicht.

Unsere mitreißendsten Geschichten sind an Emotionen gebunden, so fest verknotet, dass sie ohne diese Gefühle nur lose Worte wären, die keinen, nicht mal uns selbst interessieren würden.
Dazu gehören auch Geschichten, die mit Verzweiflung, Angst, Wut und Traurigkeit verschlungen sind. Das Gute ist, dadurch, dass wir die Scheisse scheisse sein lassen, wird’s meistens witzig, weil wir uns nicht an eine tolle Geschichte nach der anderen Klammern.

Und Witze, die kommen überallhin an, ob in der Jurte, dem Camper, dem Lehmhaus, der Hütte, dem Wolkenkrazer oder unter freiem Himmel. So machen wir aus Scheisse Gold.

Deine Annalena

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